Lernen Sie das BUS2BUS Advisory Board kennen: Felix Thielmann
Felix Thielmann, Mitglied des BUS2BUS-Advisory Boards und Leiter der DB-Ersatzverkehre, setzt Impulse für vernetzten, flächendeckenden Nahverkehr, der Mobilität und Teilhabe ermöglicht.
Als Mitglied des BUS2BUS Advisory Boards bringt Felix Thielmann nicht nur seine langjährige Erfahrung aus der DB Regio und DB InfraGO, sondern auch seine Leidenschaft für eine demokratischere Mobilität ein. Er sieht im Nahverkehr mehr als nur Verkehr – er versteht ihn als Werkzeug für gesellschaftliche Teilhabe, für die Verbindung von Stadt und Land, für gleichwertige Lebensverhältnisse. Seine Schwerpunkte lagen bisher in der Integrationsleistung verschiedener Verkehrsträger und der Sicherstellung von Grundversorgung – mit dem Ziel, öffentlichen Nahverkehr sichtbar, niedrigschwellig und flächendeckend zu gestalten. Inzwischen leitet er im Rahmen der Generalsanierung der DB Infrastruktur die dafür konzipierten Ersatzverkehre.

1. Welche Entwicklungen prägen Ihrer Meinung nach die Bus- und Mobilitätsbranche aktuell am stärksten?
Meiner Meinung nach geht es um mehr als den Dreiklang der aktuellen ÖPNV-Dauerthemen: Antriebswende, autonomes Fahren und Finanzierung des ÖPNV bzw. des Deutschlandtickets. Das sind alles sehr wichtige Themen! Wenn man allerdings das Angebot nicht in den Fokus rückt, bringt es selbst bei sehr günstigen Preisen keinen wahnsinnigen Kundenmehrwert, wenn ein Bus elektrisch oder sogar autonom fährt. Busse, gerade im ländlichen Raum, sind nach einer Ausdünnung des Taktes – von beispielsweise einmal pro Stunde auf einmal alle zwei Stunden – nicht doppelt so voll, sondern noch leerer.
Leider sind die zuständigen öffentlichen Auftraggeber im ÖPNV zu massiven Einsparungen gezwungen, was sich nachhaltig negativ auf die Attraktivität des Nahverkehrs auswirkt. Viele Initiativen und Innovationen, die eine wichtige Stufe bei der Verkehrswende wären, haben derzeit aufgrund fehlender Mittel kaum oder keine Zukunftsperspektive.
Die öffentliche Mobilität ist aber auch ganz wesentlich vom derzeit maroden Zustand des bundesdeutschen Schienennetzes betroffen. Hier leidet der Fernverkehr massiv unter der geringen Zuverlässigkeit. Daran arbeiten wir im Rahmen der Generalsanierung gerade intensiv, um hier endlich wieder „Grund reinzubringen“.
2. Welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit in Ihrem Arbeitsumfeld und welche Chancen sehen Sie für die Branche?
Neben dem Thema Teilhabe ist das Thema Nachhaltigkeit die Baseline der meisten Menschen in der ÖPNV-Branche. Natürlich geht es am Ende auch darum, damit Geld zu verdienen. Das fällt mit dem Wissen, auf der „richtigen Seite“ zu stehen, deutlich leichter.
Im ÖPNV insgesamt, aber auch in meiner aktuellen Aufgabe, geht es unter anderem darum, ein attraktives Angebot auf Schiene und Straße zu schaffen und somit die Nachfrage nach anderen Reisemöglichkeiten, die dem Klima in der Regel eher schaden, zu verringern.
In meinem unmittelbaren Arbeitsumfeld geht es um die Organisation von Ersatzverkehren auf der Straße während der Generalsanierung verschiedener Hochleistungskorridore in ganz Deutschland in den nächsten Jahren. Im Zuge dessen werden wir sukzessive verschiedene Korridore für einen Zeitraum von fünf bis acht Monaten komplett sperren und den Reisenden im Nahverkehr ein umfangreiches und qualitativ hochwertiges Ersatzverkehrsangebot bereitstellen.
Zuletzt war dies im letzten Jahr auf der Strecke Frankfurt am Main – Mannheim sowie seit diesem Sommer auf der Strecke Hamburg – Berlin der Fall. Hier geben wir uns mit allen Partnern – insbesondere den Buspartnern – größte Mühe, die Abwanderung zum motorisierten Individualverkehr so gering wie möglich zu halten. Unser Ziel ist es, nach der Generalsanierung alle Reisenden mit einem überraschend guten Ersatzverkehr im „System“ zu halten. Damit sind wir ein wichtiger Möglichmacher beim Thema Verkehrswende.
3. Welche Erwartung haben Sie an die BUS2BUS 2026 – welche Themen sollte die Branche dort besonders diskutieren?
Die Busbranche leistet insgesamt sehr gute Arbeit, wenn es darum geht, sich trotz häufig auftretender Unstimmigkeiten und Konkurrenzdenken ähnlich einer Familie zusammenzurufen und Themen voranzubringen. Die BUS2BUS bietet nach meiner Erfahrung dafür das perfekte „Lagerfeuer“, an dem wir uns versammeln, austauschen und anstoßen können.
Ich persönlich freue mich, wenn wir neben den bereits genannten und natürlich hochrelevanten Themen auch wieder mehr über die Rolle der Busbranche, gerade beim Thema Ersatzverkehr, austauschen können. Mir liegen darüber hinaus die Themen Image des ÖPNV, Berufsfeld Busfahrer:in sowie der ÖPNV als Demokratietreiber und Grundversorger sehr am Herzen.
4. Gibt es ein Erlebnis mit dem Bus, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Zum Glück gibt es davon sehr viele, meist sind es die, bei denen man den persönlichen Mehrwert engagierter Fahrerinnen und Fahrer erleben konnte. Unsere Gesellschaft hat sich, was die Wärme persönlicher Interaktionen angeht, ja ein bisschen abgekühlt. Viele Busfahrerinnen und Busfahrer sind aber leuchtende Beispiele dafür, wie man schwierige Situationen löst.
Ein prägendes Erlebnis stammt aus meiner Schulzeit in einem Berliner Randbezirk. Mehr als einmal hat unser Busfahrer eine Rotte Wildschweine mit einem alten Brot, das er vorsorglich dabei hatte, von der Straße gelockt. Die Straße war dann wieder frei, aber die Schweine kamen komischerweise bald wieder.
5. Wenn Sie nicht in der Mobilitätsbranche arbeiten würden – in welchem Bereich könnten Sie sich stattdessen sehen?
Studiert habe ich tatsächlich mal Hotelmanagement, da es mir grundsätzliche Spaß macht im internationalen Umfeld mit gutem Service gute Erlebnisse zu kreieren.
Vielleicht findet mich die Branche in vielen Jahren auf ganz kleinem Niveau und privat irgendwo wieder. Dann aber ohne den riesen Stress rund um Yield Management und Staff Turnover.
6. Wie kann der Busverkehr – gerade abseits der Schiene – dazu beitragen, gleichwertige Lebensverhältnisse zwischen Stadt und Land zu schaffen und welche konkreten Ansätze verfolgt DB Regio dabei?
Zu den Ansätzen von DB Regio kann ich nur noch bedingt etwas sagen. Ich habe es so in Erinnerung, dass Regio viele gute Ideen und Initiativen verfolgt, um den ÖPNV in verschiedenen Modellregionen attraktiver zu gestalten. Als Verkehrsunternehmen kann man die tollen Sachen aber langfristig nur ins „Schaufenster“ stellen. Bestellt werden muss es jedoch von der lokalen Politik und den Aufgabenträgern. Ein gewisser Zuspruch seitens der Reisenden über einen langen Zeitraum ist dabei sehr hilfreich.
Ich persönlich finde, dass der Einfluss des ÖPNV auf das Thema der gleichwertigen Lebensverhältnisse noch lange nicht ausreichend beleuchtet ist. Dass Menschen, die faktisch vom mobilen Leben und den damit einhergehenden Privilegien abgeschnitten sind, sich auch abgeschnitten und ausgeschlossen fühlen, ist doch klar. Wenn wir wollen, dass Menschen auch außerhalb der Metropolen leben, dort ihren Lebensunterhalt bestreiten und uns damit ja auch mitversorgen, müssen wir ein Angebot schaffen, das diesen Namen verdient. Andernfalls müssen wir mit der Alternative leben.