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Der autonome Bus: Idee oder gar Lösung für die Zukunft?

Gastbeitrag von Christian Marquordt, Bonn, für UTM Urban Transport Magazine

Schon seit einiger Zeit sind sie auf Testeinsätzen unterwegs: Autonome Busse, die ganz alleine fahren können und niemanden mehr brauchen, der am Steuer sitzt. Noch sind es eher Minibusse für nur sehr wenige Fahrgäste, aber die Konstrukteure sind längst dabei, auch über „ausgewachsene“ autonome Busse nachzudenken ... Wir stellen an dieser Stelle einige Beispiele vor.

Schon im März 2017 führte Darmstadts HEAG auf einem ehemaligen amerikanischen Kasernengelände einen autonomen EasyMile EZ 10 vor, gebaut im französischen Toulouse. Der sollte zeigen, dass man in der Siedlung, die hier anstatt der Kaserne entstehen sollte, eine Quartiers-Kleinbuslinie einrichten könne, die Anschluss an die Straßenbahn in der Heidelberger Straße biete und dabei keinen Fahrer brauche. Die HEAG hatte eine Vorführ-„Linie“ eingerichtet, für die der kleine EasyMile programmiert war und auf der er zeigte, dass er Kreuzungen erkannte, im Sinne des „Linienwegs“ rechts und links abbog. Und, ganz wichtig, dass er auch keine Fußgänger überfuhr, obwohl die ganz kurz vor dem Wagen auf die Fahrbahn sprangen. Stattdessen bremste er absolut zuverlässig bis zum Stillstand.

Im Oktober 2017 ging eine erste Linie in Deutschland mit autonomen Minibussen in den fahrplanmäßigen Einsatz. Im niederbayerischen Kurort Bad Birnbach startete eine Verbindung vom Kurviertel über die Ortsmitte zum Bahnhof. Das Besondere an dieser Linie ist, dass der kleine Autonome zwischen Ort und Bahnhof eine vielbefahrene Bundesstraße queren muss. Die Kreuzung ist mit einer Ampel gesichert. Der kleine Easy Mile muss hier erkennen, welches Signal die Ampel zeigt, ob rot, gelb oder grün, und danach muss er sich richten. Am Bahnhof fährt er direkt neben den Zug auf den Bahnsteig: einfacher kann man schwerlich umsteigen.

Drolshagen
Foto: Christian Marquordt

Im nordrhein-westfälischen Drolshagen wurde im Frühjahr 2019 eine autonome Minibuslinie getestet. Der Wagen war auch hier ein EasyMile EZ 10. Die „Linie“ nahm ihren Ausgang an einem Altenheim, und sie sollte zeigen, dass so ein autonomer Minibus den Bewohnern eines Altenheims wieder den Anschluss an das allgemeine Leben schenken kann. Wer nicht mehr so gut zu Fuss ist, steigt im Hof des Heims in den Minibus und fährt mit ihm in die Ortsmitte, wo er einkaufen oder andere Menschen treffen kann – ein attraktives Konzept.

Natürlich wollen wir auch die Versuche mit autonomen EasyMile EZ 10 in Berlin nennen. Hier verkehrte ein Wagen im Linienverkehr zwischen dem U-Bahnhof Tegel und dem Tegeler See. Der Test verlief erfolgreich, dennoch beendete die BVG ihn. Aber nur, um anzukündigen, dass man einen neuen Test mit gleich drei Autonomen-Minibus-Linien machen will, wiederum ausgehend vom U-Bahnhof Tegel.

Monheim
Foto: Christian Marquordt

Deutschlands bislang größter Betrieb mit autonomen Minibussen ist zurzeit in der Stadt Monheim zwischen Köln, Leverkusen und Düsseldorf Im Einsatz. Hier sind gleich fünf EasyMile EZ 10 auf der Linie „A 01“ vom Busbahnhof über die Altstadt zum Rheinufer unterwegs. Zum Nachladen der Batterien der Wagen sind Ladesäulen auf einem Parkplatz an der Endstation Rheinufer installiert worden. Im bayerischen Kelheim soll mit Unterstützung des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur bis 2023 ein größeres Netz aufgebaut werden.

Contern Luxemburg
Foto: Christian Marquordt

Im luxembourgischen Contern ging im Herbst 2018 eine Linie mit einem autonomen Minibus zwischen den Haltestellen „Schenker“ und „Kühne & Nagel“ in Betrieb. Zum Einsatz kommt hier ebenfalls ein Franzose, aber ein Navya vom Typ Arma. Die Namen der beiden Endhaltestellen zeigen es: die Linie ist etwa zwei Kilometer lang und in einem Industriegebiet unterwegs. Eigentlich sollte sie am Bahnhof enden, aber zwischen Kühne & Nagel und Bahnhof wäre ein mehrspuriger Kreisverkehr zu passieren gewesen, der den kleinen Navya wenigstens damals noch überfordert hätte. Conterns Navya funktionierte ohne Klagen. Ein weiterer Navya Arma ging auf der Insel Sylt in Betrieb. Er verkehrte zwischen dem Bahnhof in Westerland, Tinnum und Keitum.

Hamburg
Foto: IAV

Hamburg testete einen anderen autonomen Minibus in der neuen Hafen-City. Er stammt von den deutschen Herstellern Siemens und IAV. In der Hafen-City bediente er zunächst eine kleine Runde mit einem Linienweg von 1,8 Kilometern, der in einer zweiten Phase auf eine Länge von 2,7 Kilometern wuchs. Neu am Hamburger Test war, dass der Wagen mit am Straßenrand installierter Infrastruktur kommuniziert, die ihm mitteilt, ob aus der Seitenstraße mit der unübersichtlichen Einmündung Querverkehr zu erwarten ist.

Alle Wagen, die wir uns bisher angesehen haben, sind Minibusse für nur wenige Fahrgäste. Aber gerade vor einem Monat, also im März, ist der türkische Bushersteller Karsan jetzt mit seinem autonomen Bus „Atak“ erstmals in den Bereich der autonomen Midibusse vorgestoßen. Karsans „Atak electric“ fährt immerhin 52 Fahrgäste. Sein autonomes Fahren basiert auf der Software „flowride.ai“ des kalifornischen Softwarehauses Adastec. 20 mal in jeder Sekunde scannt der Wagen mit Sensoren, die rund um das gesamte Fahrzeug verteilt sind, seine Umgebung.

Der autonome Bus macht rasante Fortschritte. Und es gibt gute Gründe für die Annahme, dass es in Zukunft gar nicht mehr ohne den autonomen Bus gehen wird.